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Ach,
wie schön: Frauenbewegung mal anders!
Hier
kommt eine Soz. Päd. auf besonderen Wegen ...

Guten Tag Daniela Voigt,
Du
bist kaum dreißig. Als Du 1977 mit dem Kampfsport -Training
anfingst, war Judo noch ziemlich unbekannt in der Bundesrepublik.
Was
war das für ein Kurs, den Du damals besucht hast?
Der Anfängerkurs des P. S. V. - Grün
Weiß Kassel. Damals noch in gemischten Gruppen, weil es nicht
genug interessierte Mädchen gab. Die Anzeige, mit gleichem
Outfit und Maskottchen, wird heute noch geschaltet. Jedes Mal, wenn
ich die Werbung sehe, muß ich grinsen.
Hattest Du selbst
den Wunsch?
Die Idee stammte von meinen Eltern - wobei
ich nicht weiß, ob Vater oder Mutter oder beide den Einfall
hatten. Ich war als Kind ein kleiner Rabauke, im Zweifelsfall bekam
dies mein Bruder zu spüren, den meine Eltern dann, sehr zu
seinem Leidwesen, mit in den Karate- und Judounterricht schickten.
Wie war es,
das erste Mal einen von den Jungs flach zu legen?
Daran kann ich mich fast gar nicht erinnern.
Eher daran, dass ich damals, schon rein aus biologischen Gründen,
den Jungs überlegen war. Das begann mit meinem Bruder, der
sieben Jahre älter ist und mir vielleicht auch nur nicht weh
tun wollte. Ich habe viele Männer und Jungs auf die Matte gelegt
in der Gewohnheit, Streitigkeiten oder Machtspielchen auf diese
Art offen und fair auszutragen. Das ging sogar bis zu meinem Vater.
Aus heutiger Sicht habe ich das Kämpfen mit den meisten Männer
aufgegeben, da diese oft fehlendes Können durch Brutalität
wettmachen wollen und dies keinesfalls meinem Verständnis von
Kampfsport entspricht.
Fühlen
sich Deine heutigen BegleiterInnen, wenn es mal eng wird, besonders
geschützt?
Das müsste frau wohl eher meine Begleitung
fragen.
Zu meinen Begleitungen lässt sich allerdings feststellen, dass
diese in 90 % der Fälle sich deutlich selbst zur Wehr setzen
können und dies auch tun. Körperlich strahlen sie meist
große Ruhe und Dominanz aus. Ich glaube nicht, dass dies mit
mir zu tun hat.
Mußtest
Du Deine Fähigkeiten jemals im Ernstfall anwenden?
Glücklicherweise nie! Für diesen
Umstand bin ich sehr dankbar.
Erst ein- oder zweimal habe ich einen "Widersacher" körperlich
aus meiner Nahzone entfernt. Allerdings ohne Schläge oder ähnliches.
Eine Situation möchte ich kurz schildern: Des nachts stieg
ich in mein Auto, schnallte mich an, meine Freundin nahm neben mir
Platz und plötzlich öffnete ein Mann die Tür und
berührte meine Schulter. Die nachfolgenden Geschehnisse passierten
in einer Dimension, die wohl nahe des Zeitraffers lag. Ich schnallte
mich in Windeseile ab, packte ihn beim Kragen ... Ich dachte für
eine Sekunde rein gar nichts, bis ich den äußerst verstörten
Mann in der Mitte der Straßenbahnschienen wieder los ließ.
Die Stelle war etwa 20 Meter von dem Auto entfernt.
Wie war es?
Ich war eigentlich etwas überrascht
von mir. Solange ich mich erinnern kann, bin ich eine Kämpferin
- soll heißen, ich habe mit beachtlichen Erfolgen an nationalen
und internationalen Wettbewerben teilgenommen.
Warum ich das erzähle? Kämpfen ist einer meiner Wesenszüge.
Im Moment de Kampfes kontrolliert ein nicht willentlicher Anteil
meiner Person meinen Leib. Jeder Handgriff ist präzise, jeder
Muskel hat seine Funktion, der Geist überlässt für
einen Augenblick die Regie meinem Körper. Immer nach fairen
Regeln, ein Moment völliger Richtigkeit, ein Gleiten im Fluß
(Flow).
Eine Freundin bezeichnete meinen Zustand als "Kampfmodus".
Danach ist das Wiedereinfinden in der Realität und die Realisierung
des Geschehenen ein wenig befremdlich. Nicht, weil ich Angst vor
mir selbst bekomme, aber die Welt einen ganz anderen Anteil meiner
Person - eine andere Energie - zu spüren bekommt.
Fühlst
Du Dich sicher?
Ich fühle mich niemandem überlegen.
Ich weiß mich aber sehr in meiner Mitte. Zumindest soweit,
dass ein Urvertrauen sich in mein Wesen einprogrammiert hat. Überlegenheit
und Sicherheit sind, meiner Meinung nach, höchst trügerische
Gefühle. Dominantes Verhalten reizt Menschen zum Widerstand,
es zeugt auch von Respektlosigkeit gegenüber anderen und dem
Leben.
Seit einigen
Jahren gibst Du Dein Wissen in Kursen weiter. Was lernen die Mädchen
und Frauen bei Dir?
In meinem Verein habe ich die Aufgabe,
jungen und etwas älteren Jungdamen, gutes und effektives Judo
beizubringen.
Ein Auftrag, der mit einem Höchstmaß an Eigeninitiative
und Fleiß für die Teilnehmer verbunden ist.
Andererseits vermittle ich Frauen und Mädchen, aber nur noch
gelegentlich, erfolgreiche SV-Techniken. Auch diese Kurse haben
eine klare Zielsetzung. Vorrang hat die Wirksamkeit.
Gerne würde ich darüber hinaus meinen Schülerinnen
ein wenig von dem Spirit zeigen, den ich durch den Sport erfahren
durfte. Eben das gestaltet sich aber relativ schwierig, da diese
Form ihnen schon lange nicht mehr vorgelebt wurde. Vielleicht sind
aber auch nur wenige dafür empfänglich.
Erfolgreiche Kämpfer kämpfen mit dem Herzen und ihrer
ganzen Leidenschaft. Dazu ist nicht jede bereit, muss es auch nicht
sein. Ich wünsche mir, mehr als nur ein paar in dieser Intensität
zu erreichen.
Wie wirken sich
die neuen Fähigkeiten auf die Teilnehmerinnen aus?
Spirit hin oder her.
Das Training verändert nach einiger Zeit alle, natürlich
die einen mehr und die anderen weniger.
Die Damen werden selbstbewusster, sie bewegen sich gewandter und
flinker, die Körperhaltung verändert sich. Die Augen werden
wacher, der Geist reger. Interessanter Weise beeinflußt Sport
auch die Denkstrukturen. Schulische Leistungen verbessern sich oft.
Allerdings könnte dies auch dem sozialen Halt, den eine solche
Gemeinschaft darstellt, zugeschrieben werden.
Die Veränderung, bei denen, die sie zulassen, ist deutlich
merkbar. Mir ist es stets eine große Freude, Menschen wachsen
zu sehen.
Eine Sportsozialisation, wie ich und auch viele andere sie genossen
haben, stellt für mich ein durchaus probates Mittel in der
Selbstfindung dar.
Im Kampfsport können sich die Partner jederzeit große
Schmerzen zufügen. Sich auf ein Lernen miteinander einzulassen,
bedeutet ein Höchstmaß an Respekt und Vertrauen gegenüber
dem anderen. Damit dieser Zustand erhalten bleibt, wird dem Trainer
viel abverlangt. Eine funktionierende Gruppe ahndet Übergriffe
oder Regelverletzungen oftmals selbstständig.
Empfiehlt es
sich, als angehende Judoka sportlich zu sein?
Am Anfang nicht - die Fitness kommt mit
der Zeit.
Wobei die Judokas hier im Vorteil sind. In den SV-Kursen ist Sportlichkeit
ganz klar Nebensache.
Was kostet so
ein Kurs, die Kleidung? Was kommt da zusammen?
Die SV-Kurse kosten in der Regel etwa 50
Euro - dabei wird keine besondere Kleidung benötigt.
Im Judo existieren Monatsbeiträge (wie in jedem Verein), allerdings
sind diese relativ günstig, zwischen 7 und 12 Euro etwa. Die
Kleidung kostet nochmals zwischen 30 und 70 Euro. Aber kein Anfänger
muss sich sofort die "standesgemäße" Kleidung
besorgen. In unserem Verein existieren "Leihjacken".
Ist es erforderlich,
ständig zu trainieren?
Eine schwierige Frage. Klar, je länger
frau trainiert, desto sicherer wird sie in den Techniken. Dennoch
bestimmt auch hier die individuelle Leistungsgrenze und das "Feeling",
das richtige Maß.
Für manche ist ein einmaliger Kurs ausreichend, andere brauchen
etwas mehr Zeit. Mir persönlich ist eine gewisse Kontinuität
äußerst wichtig. Auch SV-Kurse sollten regelmäßig
wiederholt werden.
Selbstverteidigung
- hat das wirklich so viel mit den Gedanken zu tun? Muß ich,
wie die Sumo-Ringer sagen, zunächst im Kopf siegen?
Ich glaube schon, diesen Gedanken würde
ich sogar noch etwas weiter spinnen. Denn anders als die Sumo-Ringer
oder sonstige Kämpfer, hat der normale Mensch meist nicht den
Gewinn des Kampfes vor Augen oder als Aufgabe. In diesem Leben haben
zumindest körperliche Kämpfe eher doch einen anderen Rahmen.
Gewalt kann nur als wirklich letztes Mittel dienen. Daher sollte
nicht allein der Sieg im Geiste vorprogrammiert sein, sondern mehr
noch das Wissen um die eigene Stärke.
Ähnlich einer "Geheimwaffe", die ausschließlich
in der passenden Situation, in strategisch angepasster Dosierung
verwandt wird. Die Prävention, die durch eine solche Ausstrahlung
statt findet, ist von entscheidender Wichtigkeit für "gefährliche"
Situationen. Menschen können Angst riechen. In den meisten
Fällen spürt das Gegenüber sehr deutlich, ob sein
"Ansinnen" von Erfolg gekrönt sein könnte.
Was denkst Du, wenn Dir doch mal einer blöd kommt? Genügt
oft schon ein Blick von Dir?
Glücklicherweise kommen mir selten
Menschen "blöd". Solche Situationen passieren mir
eher, wenn ich - im Gesamtbild mit meiner Begleitung - etwas zu
einladend wirke. Lösen wir diese Einheit und stellen uns dem
Gegenüber als Individuen, entspannt sich die Situation schnell.
Siehst Du Frauen
auf der Straße, mit einer Einschätzung, inwieweit sie
als "Wild" tauglich sind?
Nein. Aber ich betrachte mit Argwohn die
Wirkung, die die heute modische Kleidung (kurze Topps, knappe Hosen,
nicht zu vergessen die hohen Schuhe) auf einige Menschen hat. Gelegentlich
beobachte ich Frauen, die mit ihren Highheels noch nicht einmal
eine Rolltreppe ohne größere Balanceakte hoch kommen.
Die Wehrlosigkeit, die so vermittelt wird, stimmt mich nachdenklich.
Wie kann ich
mir helfen, wenn ich kein Judo kann?
Neben den alltäglichen Tipps zur Vermeidung
und der Nutzung moderner Kommunikationsmittel (warum nicht mal die
Polizei rufen?), die ich durchaus sinnig finde, hilft eine gewisse
"Kampfbereitschaft".
Soll heißen, neben stilistisch wirkungsvollen Kampftechniken
existieren noch eine Menge anderer Abwehrformen, z. B. kann das
Herausreißen eines Piercings oder Ohrringes oft schon Wunder
wirken. Damit hier keine Missverständnisse entstehen - ich
bin nicht für Brutalität, aber manchmal erfordert die
Situation eine gewisse Härte.
Noch anzumerken: Jede Abwehr sollte sich unbedingt gegen den Rädels-
oder Gruppenführer richten. Nur hier lässt sich eine Signalwirkung
erzielen.
Was hältst
Du von Sprays, Alarmsirenen, Gaspistolen und ähnlichem?
Dazu denke ich zweierlei:
Zum einen fühlt sich frau dadurch sicherer,
dieses Gefühl transportiert sie nach Außen, es entsteht
wieder eine gewisse Abschreckung.
Die Kehrseiten sind die Möglichkeit, dass eine solche "Waffe"
abgenommen und gegen die Frau selbst gerichtet werden kann. Außerdem
die mangelnde Übung in der Handhabung - ich durfte schon einige
Menschen kennen lernen, die sich mit den Sprays selbst verletzten
(von wegen Windrichtung). Und nicht zu vergessen, wer eine Gaspistole
benutzt, muss bereit sein auf einen anderen Menschen zu schießen,
diesen möglicherweise schwer zu verletzen oder sogar zu töten.
Diese Bereitschaft ist nicht immer vorhanden und verkehrt die Wirkung
der Waffe ins Gegenteil.
Was ist Dein
Rat, wie kann frau abschreckend wirken, ohne dass sie sich verkleidet,
versteckt, oder als Lara Croft in die Welt stellt?
Was ist denn gegen Lara Croft zu sagen
*g*?
Ich glaube, ausschlaggebend für viele Übergriffe ist die
viel zu groß geratene Bereitschaft der meisten Frauen, zum
Erdulden und Vermeiden "brenzliger" Situationen. Konfliktvermeidung
in dieser Form signalisiert dem Gegenüber Schwäche. Da
wir meist noch recht zwanghaft an unserer biologischen Programmierung
festhalten, wird einen Angreifer Schwäche, sowie die damit
verbundene Aussicht auf Dominanz, Macht und/oder Sieg, eher in seinem
Vorhaben bestärken.
Daher sollte frau sich in diesen unvermeidlichen Konfliktsituationen
über die reale Gefahr bewusst sein. In diesem Moment ist das
Gegenüber bereit, den anderen u. U. massiv zu verletzen. Dieser
spezielle Konflikt kann nicht durch Ausweichen, sondern nur durch
Konfrontation gelöst werden. Dabei muss frau sich über
die Möglichkeit Schmerzen zu erleiden und Kampf zu führen
bewusst sein, und dem Gegenüber deutlich zeigen, dass sie gleichfalls
gewillt ist, Schmerzen zuzufügen.
Dieser Punkt ist für mich ursächlich für den Unterschied
zwischen Opfern und Kämpfern. Allerdings sind mir die Schwierigkeiten,
die mit einer solchen Aussage oder Einstellung verbunden sind, durchaus
bewusst.
Ist Abschreckung
immer die beste Verteidigung?
Die oben beschriebene Bereitschaft scheint
mir das beste Mittel. Immer mit dem Zusatz: Tue, was immer nötig
ist!
Mit einer solchen Neuprogrammierung sind natürlich eine Menge
an Zweifeln und Konflikten verbunden. Mitunter geraten ganze Weltbilder
ins Wanken. Doch dies ist für mich der einzig praktikable Weg,
die "Haie im Goldfischbecken" in die Schranken zu weisen.
Was ist "kämpfen"
für Dich?
Für mich selbst ist die Aussicht zu
kämpfen niemals eine unangenehme. Der Kampf als solcher war
und ist meinem Wesen näher als viele andere Dinge. Ich bin
kein sonderlich pathetischer Mensch, aber doch liegt im Kampf die
Chance, eine völlig neue oder einfach andere Form von Energie
und Macht zu erleben. Kein "Feld der Ehre", doch ein Platz
für Dominanz, Fähigkeit und ein ehrliches "sich messen"
ohne Hintergedanken, Zweifel, Lügen oder Intrigen. Entscheidend
einzig und allein: Kraft, Können und Willen.
Für mich existieren in Menschen Energien, die definitiv nicht
in den verbalen Raum passen. Jede Verbalisierung wäre eine
Verfälschung, eine Formgebung in einem nicht angemessenen Rahmen.
In einer Zeit, in der wir durch äußere Vorgaben gelernt
haben, unseren Körper und seine Bedürfnisse bestenfalls
zu verleugnen, fehlen uns häufig die Kanäle, diese Energie
unverfälscht auf ein anderes "Energiefeld" treffen
zu lassen.
Die Judomatte ist dafür - sicherlich nicht das einzige, so
aber doch - ein wirklich geeignetes Umfeld. Klare Regeln, ein fester
Zeitrahmen, zwei oder mehr Menschen, die das Gleiche wollen. Ein
Raum, in dem es viele Möglichkeiten gibt, aber niemand nachtragend
ist. Wenn die Zeit um ist, bleiben alle Emotionen auf der Matte
zurück, mitgenommen werden nur die angenehmen. Diese deutlichen
Grenzen und Regeln haben häufig eine mehr als entlastende,
befreiende Wirkung.
Du zeigst Aspekte
auf, die überraschend sind.
Zuweilen drängt sich mir bei einem
guten Kampf die Assoziation zu einem Liebesspiel auf. Warum?
Menschen die das Gleiche wollen, treffen sich für einen begrenzten
Zeitraum, in einem dafür vorgesehen Rahmen. Die Regeln sind
ganz klar definiert. Fairness und fast "grenzenloses"
Vertrauen haben oberste Priorität. Verstöße werden
von der Gemeinschaft sofort geahndet - eine "natürliche
Auslese" findet statt. Nur so kann das System weiter existieren
und sich positiv verändern.
Berührungen verfolgen einen klaren Zweck. Falsche Versprechungen,
Betrug oder Hinterlist haben keine Existenzberechtigung.
Das Wissen, dass der andere einen (so er oder sie will) auch schwer
verletzen kann und man oder frau selbst gleichfalls diese Möglichkeit
hat, verändern die Umgangsform nachhaltig. Der Kampf wird so
zu einem "Spiel", indem jeder alle Rollen spielen kann
und muss.
Die Palette reicht von Unterwerfung bis hin zu Dominanz. Das Geschehen
organisiert sich auf seltsame Weise ohne Zutun, der Rollenwechsel
und die Annahme der damit verbundenen "Gefühlsvielfalt"
bereichern die Persönlichkeit. Ein gutes Training bietet Raum
für alle Emotionen, ein sich Ausprobieren in den vielfältigen
Formen, ein Erleben aller Nuancen, die in einem Selbst verborgen
liegen.
Trainer die sich nicht gelegentlich in die Rolle der Machtlosigkeit/Inaktivität
begeben können oder wollen, verwehren in meinen Augen den Menschen
die Chance, ihre Potentiale zu erfahren und auszuleben.
In vielen Wettkämpfen, auf sehr hohem Niveau, habe ich eine
erstaunliche Beobachtung gemacht. Obwohl hier die härtesten
Konkurrenten aufeinander trafen und es im wahrsten Sinne des Wortes
um Geld, Ruhm, Ehre und Erfolg ging, haben die wirklich dauerhaft
Siegreichen stets einen äußerst "liebevollen"
Umgang miteinander vorgelebt. Sowohl auf der Matte, als auch hinterher.
Menschen, die nach den geltenden "Gesetzen" der Gemeinschaft
sich als Feinde begegnen sollten, wurden oder waren Freunde. Auf
diese Art sind sehr vielfältige Freundschaften, teilweise auch
Liebesbeziehungen entstanden, die sich über die Jahre bewährten
und nach herkömmlichen Mustern nicht einzuordnen waren. Diese
Partnerschaften liefen nach den gleichen Regeln wie die Kämpfe
ab. Oft fühlte ich mich wie in einem großen Schutzraum
- einem Gefühlsbunker, der der herkömmlichen Welt verschlossen
war.
Meine Frau Mama bemerkte einmal dazu: "Das machen beim Judo
doch alle so." Dieser Satz, der auf den ersten Blick wie ein
Witz anmuten mag, hatte eine tiefere Wahrheit, die mir selbst erst
nach einigen Jahren klar wurde.
Warum
engagierst Du Dich im Bereich Selbstverteidigung?
Stärke muss nicht zwangsläufig negativ sein. Macht
zu haben, zu erleben und wieder abzugeben, ist eine Erfahrung, die
entscheidende Veränderungen in der Persönlichkeit bewirkt.
Dadurch lassen sich "Hebel" umlegen, die eine Veränderung
von Wild zu Jäger bewirken können.
Ich will vermitteln, welche Veränderungen durch Sport oder
SV eintreten können. Welche Potentiale ich bei Menschen sehe
und welche Möglichkeiten uns vielleicht noch verborgen sind.
Mich selbst und meinen Werdegang als Beispiel zu nehmen, erscheint
mir mehr als dienlich. Zum anderen ist es naheliegend, da ich diese
Kurse schließlich auch gebe. Eine "Selbstbeweihräucherung"
widerstrebt mir. Der Sport hat mir persönlich eine Lebensintensität
geschenkt, die sich mit Worten nur äußerst unzulänglich
beschreiben lässt.
Die Vermittlung von Wissen steht und fällt mit dem Vorbild
oder Trainer. Menschen spüren Unstimmigkeiten und sie haben
ein Recht auf die "Stimmigkeit" des Trainers.
SV ist ein "Spiel", das nur und ausschließlich nach
den oben beschriebenen Regeln funktionieren kann. Das Wachsen ist
ein Prozess, der, u. U. ein ganzes Leben dauern kann und/oder soll.
Nicht
die Technik, sondern die Grundeinstellung ist entscheidend.
Ein praktikabler Anfang zeichnet sich für mich im Selbstvergeben
aus. Eine nachhaltige Veränderung der bekannten Muster entsteht
dadurch, dass eine Frau sich zunächst einmal selbst vergibt.
Sich die eigene "Hilflosigkeit" verzeiht.
Damit wir uns richtig verstehen: Es ist OK, machtlos gewesen zu
sein und deswegen wütend zu werden, es ist in Ordnung, die
Wut als Energie oder Antrieb zu nutzen, den Zorn jeden Tag mit sich
zu tragen und die SV als Kanal für diese neu gewonnene Stärke
zu nutzen. - Doch es ist genauso korrekt zu vergeben, Schmerz und
Wut gehen zu lassen, zu akzeptieren, körperlich schwächer
als andere Menschen zu sein, sich mit all den Mängeln und Schwächen
anzunehmen und diese neue Liebe mit ins Training zu bringen.
Copyright: Daniela
Voigt

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